Klassische Moderne
Meisterstück–Stückbeschreibung
Im Folgenden soll es um mein Meisterstück, dessen Ideenfindung, den Weg zum Design, die zugrundeliegende Konstruktion und Inneneinteilung, die Idee der Front inklusive der selbsterdachten Beschläge sowie einige Details wie beispielsweise die integrierten Geheimfächer gehen.
Das Meisterstück ist der finale Abschluss der Meisterfortbildung im Schreinerhandwerk. Das heißt es steht am Ende einer intensiven Zeit des Weiterbildens, des Aneignens neuen Fachwissens, des Kennen- und Schätzenlernens neuer Menschen, Freunden und zukünftiger Arbeitskollegen und/oder Marktbegleiter.
Es ist aber ebenfalls der Startschuss in einen neuen Lebensabschnitt, der wenn man den klassischen Weg der Selbstständigkeit oder Firmenübernahme geht, mit mehr Verantwortung und neuen Herausforderungen einher gehen wird.
Das Thema Meisterstück beschäftigte mich bereits vor Beginn des Meisterkurses Ende 2021, da ich zu diesem Zeitpunkt umgezogen bin und mich mit der Gestaltung meiner aktuellen Wohnung befasst habe. In diesem Zuge “musste” ich einige Möbel neu bauen. Dabei kam der Gedanke auf, dass mit Blick auf die geplante Weiterbildung zum Meister, eines der potenziellen Möbelstücke mein zukünftiges Meisterstück werden könnte. Dies hat den einfachen Grund, dass ich gerne ein Werk schaffen möchte, welches für mich selbst nutzbar ist und sowohl größentechnisch als auch stilistisch in meine Wohnung passt.
Im Laufe des letzten Jahres kristallisierte sich dann heraus, dass es eine Kommode für den Wohn- / Arbeitsbereich werden sollte, welche durch ihre Positionierung ein echter Hingucker sein darf und sich inhaltlich primär um das Thema Ordnen und Verstauen von Büro- und Schreibmaterialien drehen soll.
Durch die überschaubare Größe und den festen Standort des zu planenden Stückes waren vor den ersten Designideen insbesondere die Außenmaße vorgegeben. Mein Meisterstück “Klassische Moderne” sollte und musste die folgenden Maße haben: 1280mm Breite, 420mm Tiefe und 924mm Höhe.
Im nächsten Schritt habe ich mich mit dem Thema Design beschäftigt. Mir war es wichtig, sowohl klassische als auch moderne Elemente in dem Stück umzusetzen, da mich zum einen der klassische Möbelbau und zum anderen die aktuellen Designtrends interessieren. Die besondere Herausforderung sollte es dementsprechend sein, diese zwei Elemente herauszuarbeiten und zu einer homogenen, harmonischen Einheit verschmelzen zu lassen.
Bei dem Material habe ich mich hauptsächlich für Eiche und Ahorn entschieden. Eiche im Sichtbereich, da es sich mit Blick auf das restliche Interieur meiner Wohnung sehr gut in das Einrichtungsbild eingliedert. Darüber hinaus gefällt mir Eiche auch nach Jahren des Trendsettings immer noch hervorragend. Ahorn habe ich als farblichen Kontrast im Innenbereich des Stückes gewählt. Die Schubkästen sowie die Vollholzauszüge sind aus diesem Material gefertigt. Abgerundet wird die Materialauswahl durch eine Neolith-Abdeckplatte welche hervorragend mit dem restlichen Material harmonisiert sowie schwarz lackierte Frontgrundplatten.
Bei der Grundkonstruktion habe ich mich für eine klassische Stollenbauweise entschieden. Allerdings habe ich diese nicht mit geschlossener Rahmenfüllung ausgeführt, sondern mit nach unten hin abgesetztem Fries, um dem Stück eine luftigere und offenere Form zu geben. Dies führt außerdem dazu, dass die Füllungen fest mit dem Gestell verbunden sind, auch, da sie in großen Teilen die Inneneinteilung halten. Daher habe ich dort, wie auch sonst im Innenbereich des Stückes, eine Dreischichtplatte verwendet, um eine größere Formstabilität zu erreichen. Das Rahmenfüllungsdesign erstreckt sich über die beiden Seiten bis hin zum Rücken, welcher so ausgeführt ist, dass das Stück auch bei der Betrachtung von der Rückseite schön aussieht. Im vorderen Bereich verbindet der untere freiliegende Fries die beiden Pfosten und gibt zusammen mit der Neolith-Abdeckplatte den besonderen Fronten den nötigen Rahmen.
Die beiden Fronten und ihre Details habe ich so gewählt, um moderne Elemente aus aktuellen Strömungen in meinem Werk zu integrieren. Sie sind meine Interpretation von Moderne. Zum einen durch die Leistenoptik welche aktuell im Trend liegen und zum anderen durch ein klares stringentes Design mit klaren Kanten und Linien. Darüber hinaus nutze ich runde Elemente, welche diese klaren Strukturen aufbrechen sollen, um die Aufmerksamkeit des Betrachters zu fesseln. Zu nennen sind dabei die vorderen Pfosten, die mit einer Innenrundung ausgeführt sind und die gesamte Front somit leicht nach innen setzen. Außerdem weisen beide Fronten mittig eine kugelförmige (konkave) Einbuchtung auf, die den Fronten eine zusätzliche Ebene verleihen.
Die 82 Leisten sind alle mit einer unterschiedlichen Fräsung versehen und im Abstand von 4mm in die Nuten in schwarz lackierten Grundplatten eingelassen. Dadurch entsteht für den Betrachter der Eindruck, man könne bei geschlossenen Türen in das Stück hineinschauen. Unterbrochen wird die dynamische Frontansicht durch vorstehende Griffleisten, welche mit einer schwarz abgesetzten Griffmulde ausgeführt werden.
Geführt werden beide Fronten über einen selbst erdachten Beschlag, welcher sich in der jeweils äußeren Leiste befindet. Dieser ist in fünf Bandteile unterteilt, von denen zwei an der Tür und die übrigen drei am Korpus befestigt sind. Durch eingelassene Messinghülsen, Abstandsringe und in den Hülsen laufende Messingstifte, lassen sich die Türen somit über dieses Element öffnen und schließen.
Im Inneren des Stückes befinden sich sechs Fächer, welche sich wie folgt unterteilen: Im oberen und unteren Bereich befinden sich jeweils zwei Schubkästen und im mittleren Bereich links wie rechts ein größeres, offenes Fach (z.B. für Ordner). Im gesamten Innenbereich sind die Außenwände durch eine Aufdopplung weiter in das Zentrum gerückt, damit die Schubkästen an den Frontelementen vorbei geöffnet werden können.
Die Schubkästen sind mit klassischen Schwalbenschwanzverbindungen ausgeführt, im vorderen Bereich in der halbverdeckten Ausführung, da es kein Doppel gibt, sondern das Vorderstück des Schubkastens gleichzeitig die Front ist. Geführt werden sie von Massivholzvollauszügen aus unbehandeltem Ahorn. Die Schubkästen sind ebenfalls aus Ahorn gefertigt und zusätzlich geölt. Dabei habe ich mich bewusst dazu entschieden kein Doppel zur Verdeckung der Auszüge und der relativ großen, ungenutzten Flächen zu verwenden, damit die Auszüge neben den klassischen Verbindungen noch sichtbar sind. Zu öffnen sind die Schubkästen über Griffmulden, mit in Eiche abgesetztem Oberstück.
Im Bereich der mittleren, großen Fächer gehen die aufgedoppelten Außenwände durch. Sie haben dort nicht dieselbe Funktion wie im Bereich der Schubkästen, sondern dienen als Geheimfächer zum Verstauen von Dokumenten. Diese lassen sich nach innen hin öffnen und sind mit jeweils zwei Gummiseilen ausgestattet, welche die Schriftstücke oder ähnliches halten können.
Zugehalten werden diese Fächer ebenso wie die Fronten mit hinter Stopfen verborgenen Magneten.
Insgesamt ergibt sich somit ein stimmiges Stück, welches meinem Geschmack entspricht, die nötigen handwerklichen sowie qualitativen Voraussetzungen für ein Meisterstück erfüllt und mich während der Bauphase vor einige spannende und schweißtreibende Herausforderungen gestellt hat.
Kritische Selbstbetrachtung – Meisterstückbau
In der folgenden kritischen Selbstbetrachtung geht es um den Bau meines Meisterstückes im Rahmen der Meisterfortbildung in Arnsberg von Oktober 2022 bis April 2023, welches in dem vorgegebenen Zeitraum vom 24.März bis zum 19.April fertig gestellt wurde.
Der Meisterstückbau schloss damit an die, im Oktober 2022 gestarteten, Kurse am BBZ Arnsberg und die abschließenden Theorieprüfungen an. Die Fertigstellung des Meisterstückes bildet meinen Abschluss des gesamten Meisterkurses (da ich Teil 3 und 4 schon im Vorjahr abgeschlossen habe) und musste innerhalb von 128 Stunden vollendet sein.
Die Ideenfindung, Planung, Zeichnung und Kalkulation meines Stückes erfolgten im Vorhinein, da es in den vergangenen dreieinhalb Wochen ausschließlich um die Umsetzung des Stückes ging.
Mein Stück “Moderne Klassik” beinhaltet viele klassische Verbindungen, sowohl beim Korpus als auch bei den Schubkästen und deren Führungen.
Darüber hinaus ist es durch die aufwendig gestalteten Fronten und die selbst erdachten Beschläge in der Fertigung von höchster Bedeutung präzise und genau zu arbeiten.
Mir war im Vorfeld bereits bewusst, dass mich dies vor allem zeitlich vor eine große Herausforderung stellen würde. Die handwerkliche Präzision und Umsetzung traute ich mir jedoch zu, da ich im Laufe meiner Berufslaufbahn bereits viel Erfahrung im Bereich Möbelbau und Massivholz sammeln konnte.
Der Bau des Grundkörpers erfolgte im ersten Schritt und funktionierte nahezu reibungslos. Lediglich die nicht ganz geraden Eiche-Dreischichtplatten, aus welchen die Füllungen und die Inneneinteilung des Stückes gefertigt sind, stellten eine kleinere Hürde dar.
Unterschätzt hatte ich jedoch die Herstellung der Fronten und die Probleme, die sich damit ergeben sollten. Die zeitaufwendige Detailarbeit der individuell zu fräsenden Leisten bereitete zunächst keine Probleme, ebenso die händisch in die Grundplatte gefrästen Nuten. Diese waren mit Fleißarbeit verbunden, dafür aber sehr präzise. Die Zusammensetzung der verschiedenen Teile, also das Verbinden der Leisten mit den schwarz lackierten Grundkörpern führte am Ende jedoch bei der ersten Front zu dem Problem, das es sich konisch zog. Lösen konnte ich diese Problematik am Ende durch erneutes Pressen in die gewünschte Form. Bei der zweiten Front konnte ich dieses Problem umgehen, indem ich die Nuten etwas breiter ausführte, sodass die eingesetzten Leisten keinen Druck aufbauen konnten.
Eine weitere Herausforderung bei den Fronten stellten außerdem die selbst erdachten Beschläge dar. Diese sind ohne die Möglichkeit der Einstellung konzipiert, was bei einem umlaufenden Spaltmaß von lediglich 2mm absolute Präzision erforderte. Dies führte wiederrum zu einem erhöhten Zeitaufwand bei der Herstellung den ich vorher nicht einkalkuliert hatte.
Als ein weiteres, im Verlaufe der Herstellung für mich spannendes Thema möchte ich die Vollholzauszüge nennen. Diese müssen, um problemlos zu laufen, absolut präzise hergestellt werden. Im Nachhinein hätte ich bei der Planung dieser die Maße meiner Schubkästen besser berücksichtigen sollen, da die aktuelle Ausführung (breiter als tief) nicht dazu beiträgt, dass die Auszüge reibungslos laufen.
Zusammenfassend hat mich die Auswahl meines Stückes vor einige Herausforderungen gestellt, welche ich gut gemeistert habe. Insbesondere die Ausführung der Fronten hat mir jedoch gezeigt, dass eine detailliertere Vorbereitung in Form von einem umfassenden Probestück sinnvoll gewesen wäre, da ich dann in Bezug auf die beschriebene Problematik eine andere Lösung hätte finden können.
Die besondere zeitliche Herausforderung stellte darüber hinaus ein nicht zu unterschätzendes Problem dar, welches den typischen Arbeitsalltag eines Tischlermeisters sehr zugespitzt darstellt. Dies konnte ich insgesamt aber durch genaue Arbeitseinteilung und gute Vorplanung bewältigen.
Insgesamt bin ich daher mit meinem Meisterstück “Klassische Moderne” und der Bauphase sehr zufrieden.
B.W.– 20.04.2023




























